Ein Zeitungsartikel vom 18.11.2011

Ich will mir keinen schönen Tag machen 

Krankheit trieb Berthold Möller in die Berufsunfähigkeit. Jetzt versucht der 49-Jährige als Selbständiger aus Harz IV herauszukommen. Bei Berthold Möller ist in den letzten Jahren gelinde gesagt, einiges schief gelaufen. Krankheit, Berufsunfähigkeit, erfolglose Jobsuche, Hartz IV. Dem 49-Jährigen bleiben zum Leben gerade mal 410 Euro im Monat. Wohlgemerkt: Er hat Frau, zwei Kinder und Hund. Umso erstaunlicher: Möller lässt sich nicht unterkriegen. Seine neueste Idee, um wieder auf eigenen Beinen zu stehen: Die Selbständigkeit. Der Marsberger sagt: „Das ziehe ich auf jeden Fall durch.“ Und es klingt bei ihm keineswegs, wie eine leere Floskel. Schaut man ihm in die Augen, sieht man das Brennen für seine Idee. Allein das ist eigentlich schon eine Leistung nach all den Hürden, die er bis jetzt bereits nehmen musste.

Rückblick 2008: Möller, gelernter Stahlbetonbauer, ist Berufskraftfahrer. Mit dem LKW geht es vorwiegend durch die Nacht, schon seit Jahren. Der ungewöhnliche Tagesrhythmus schlaucht. Aber Möller ist ein Kerl, wie ein Baum, auch ein wenig stur. „Ich bin nicht der Typ, der gleich zum Arzt rennt.“

Aber bald kommt das Schwergewicht an seine Grenzen. Ihm wird schwarz vor Augen, immer wieder, auch beim Fahren. Einmal fährt deswegen auch seine Frau Iris mit, zur Sicherheit. Bald aber ziehen beide die Reißleine. Eine Herzmuskelschwäche wurde bei Möller festgestellt. „Mir wurde gesagt, hätte ich ein halbes Jahr länger gewartet, wäre ich unter der Erde gewesen, „ sagt Möller. Er kommt in die Reha nach Ennepetal. Weitere Leiden werden erkannt. Arthrose in den Schultern und Knien. Die Ärzte sagen, „Möller sei eine Gefahr für die Straße“ und schreiben ihn berufsunfähig. All das, was er bis dato gearbeitet hat, darf er nun nicht mehr.

Er bekommt Arbeitslosengeld. Ein ungewohnter und unangenehmer Umstand. Ein Bewerbungstraining will ihm die Rentenversicherung, sein Leistungsträger, nicht finanzieren. „Die haben mir gesagt, ich sei sowieso nicht vermittelbar,“ erzählt Möller. Er bewirbt sich auf eigene Faust. Weit über 100 Speditionen schreibt er an, für einfachere Fahrten, für Büroarbeit – erfolglos. Ein Berufsfindungskurs in Dortmund bricht er ab, weil seine Mutter zeitgleich stirbt. „Verweigerte Mitarbeit“ nennt das der zuständige Mitarbeiter der Rentenversicherung. Einen neuen Kurs gibt es deswegen nicht bezahlt.

Bewerbungen helfen nicht

„An dem Punkt habe ich mir gedacht, dass ich mir was einfallen lassen muss, um wieder an Arbeit zu kommen,“ sagt Möller. Von Bewerbungen hatte er genug. „Wer sollte mich denn auch nehmen in meinem Alter und mit meinen Krankheiten?“ Erstmals schwebt ihm die Selbständigkeit vor.

Der gebürtige Essener kennt das Ruhrgebiet. Seine Idee: Mit einem Verkaufswagen auf den Märkten im Kohlenpott Sauerländischen Spezialitäten anbieten. An Kooperationspartnern mangelt es nicht. In Bernhard Frese hat er auch einen Existenzgründungsberater auf seiner Seite. Der 53-Jährige hat Erfahrung als Unternehmungsberater, gibt Gründercoachings, berät in Sachen Marketing und Vertrieb. Sie erarbeiten einen Businessplan. Schwarz auf weiß nimmt die Geschäftsidee Formen an. Freses Urteil: Der Plan könnte aufgehen. Die Rentenversicherung sieht das anders.

Unterstützung für die Startzeit, etwa durch Übernahme der Krankenversicherung, gibt es nicht. Die Aufbruchsstimmung schwindet. Gegen die Ablehnung des Antrags legt Möller Widerspruch ein. Acht Monate ohne Antwort folgen. Aber der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht. Iris Möller bricht sich im Oktober 2010 den Arm. „Ein komplizierter Bruch“, erinnert sich die 44-Jährige, die nun längere Zeit ihren Job als Aushilfe in einem Cafe ebenfalls nicht mehr ausüben kann. Auch der Widerspruch hilft nicht. Die Rentenversicherung verweist Möller ans Job-Center. Fortan gibt es Hartz IV.

Möllers Reaktion: „Ich muss da irgendwie rauskommen.“ Nicht nur, weil das Geld kaum reicht, sondern vielmehr, „um wieder selbst auf eigenen Beinen zu stehen. Es gibt bestimmt einige, die in dieser Situation sagen, ich mache mir einen schönen Tag. Aber ich will mir keinen schönen Tag machen.“

Er bastelt weiter an seiner Selbständigkeit. Eine Idee reift: „Der Brötchenexpress.“ In Zusammenarbeit mit einer Marsberger Bäckerei will Möller einen Brötchen-bring-Service anbieten für Marsberg und Umgebung. Backwaren, Honig, Marmeladen, dazu ein allgemeiner Einkaufsservice.

Berater Bernhard Frese attestiert nach der Anfertigung eines weiteren Businessplans: Der Brötchenexpress könne bereits „nach cirka 9 Monaten“ den Lebensunterhalt für Möller und seine Familie sichern. Streng genommen gebe es vor Ort keine Konkurrenz. Möller habe Rückhalt in der Familie und bei seinen Kooperationspartnern. Zudem bringe er die erforderlichen Kenntnisse und vor allem: Jede Menge Herzblut mit.

„Es ist keine Idee mit der man reich wird“ sagt Bernhard Frese zur WP, „aber es geht ja vor allem darum, aus Hartz IV rauszukommen. Und dafür reicht es allemal. Jede Idee ist sowieso nur so gut, wie der, der sie verfolgt. Und Berthold Möller steht voll und ganz hinter der Sache.“ Möller steht mittlerweile jede Nacht um 1 Uhr auf, trägt Zeitungen aus. Dadurch nimmt er sogar 25 Kilo ab. Er bereitet für seinen Brötchen-Express eine Homepage und eine Facebookseite vor. In Sachen EDV und Internet ist er fit. Ein Freund druckt Werbe-Flyer.

Keine Startförderung

Ein Funken Sicherheit fehlt aber noch. Erste potenzielle Kunden hat Möller schon ausgemacht. Dennoch wäre der Umsatz zunächst sehr gering. Möller beantragt beim Job-Center die Förderung seiner Selbständigkeit durch Einstiegsgeld. Das wären immerhin 300 bis 400 Euro zusätzlich im Monat. Für Werbung etwa.

Auch dieser Antrag wird abgelehnt. Die Tätigkeit „sei nicht geeignet, die Hilfebedürftigkeit zu überwinden“. Möller Einkommenskalkulation sei zu hoch angesetzt, Möllers Backwarenlieferant wälze das mit dem Lieferservice verbundene Risiko lediglich auf ihn ab. Immerhin: Das Job-Center befürwortet die Zahlungen der Hartz IV Leistungen für weitere 6 Monate. Als Möller beim persönlichen Gespräch im Jobcenter all das mitgeteilt wird, entgegnet er: „Ich gründe trotzdem“.

Ab 1. November gibt es jetzt den Brötchen-Express. „Es tut gut, wieder etwas zu tun, „ sagt Möller. Zeitungen austragen, Brötchen abholen und eintüten, liefern, heißt es jetzt an jedem frühen Morgen. Kurz vor dem Gespräch mit der WP wächst Möllers Kundenstamm auf 15 an. „Ein Anfang,“ nennt das Möller mit einem Funkeln in den Augen.

Quelle: http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-brilon-marsberg-und-olsberg/ich-will-mir-keinen-schoenen-tag-machen-id6083879.html

18.11.2011